A.: Die Osteopathie wird als eine Wissenschaft, als eine Philosophie und als eine Kunst bezeichnet. Du hast den Aspekt der Kunst gegenüber der Wissenschaft erwähnt, was bedeutet dieser Aspekt der Osteopathie für dich?
B.: Der Osteopath möchte wie ein Künstler nicht nur gute Arbeit leisten, er möchte auch Schönheit kreieren. Das hat sehr viel mit Philosophie zu tun, was wörtlich „Liebe zur Weisheit“ bedeutet. Dies erzeugt die Schönheit im Inneren, was uns zur Gesundheit führt.
A.: Du sprichst oft über “science et conscience” (=Wissen und Gewissen/Bewußtsein), was
meinst du damit in Zusammenhang mit der Osteopathie?
B.: Ich möchte hier einen französischen Schriftsteller, Humanisten u. Arzt, Francois Rabelais (1494-1553), zitieren:
“Science sans conscience n'est que ruine de l'ame.” Das heißt übersetzt: “Wissen ohne Gewissen ist nichts anderes als der Ruin der Seele.”
(Anmerkung von A.: Im Deutschen unterscheidet man zwischen Gewissen und Bewußtsein, im Französischen ist das ein Wort: “conscience”.)
A.: Das heißt, Wissen bedeutet Verantwortung?
B.: Wissen ohne Verantwortung ist Gewissenlosigkeit, bzw. Wissen ohne Bewußtsein. Leider in der heutigen Wissenschaft ein häufiges Phänomen, was auch zu einem Verlust der Ethik und zur Narretei (“follie”) führt.
Du bezeichnest die beschreibende Anatomie als etwas sehr Objektives, gleichzeitig ist die anatomische Funktion für dich etwas sehr Subjektives und Individuelles. Ist das ein Wider-spruch?
Das Studium der individuellen Subjektivität benötigt eine hohe objektive Überlegung, die von dem Niveau des Wissenstandes des Osteopathen abhängt. Dies beruht auf allgemein definierten Gesetzen und Prinzipien, die sich wiederum aus einer Fülle von subjektiven Beobachtungen ergeben haben. Somit gibt es eine direkte Abhängigkeit zwischen Subjektivität und Objektivität.
Das “Fulcrum” ist ein zentraler Begriff in deiner osteopathischen Arbeit. Wie definierst du Fulcrum und hat das Fulcrum eine Objektivität?
Das Fulcrum ist die Unbeweglichkeit der mechanischen Achse im Raum und in der Zeit zwischen Dilatation und Retraktion, es ist die Stille, das Schweigen (“Le silence”). Dies ist das Geheimnis der Osteopathie. In der Stille kommen die vergessenen und verborgenen Dinge
zum Vorschein. Die Stille besitzt die größte Objektivität.
Was bedeutet “Medicin interieur” (= innerer Arzt)?
Der “Medicin interieur” ist die Homöostase oder die Antwort des Gewebes. In der Psychotherapie geschieht das durch die Fragestellung, in der Osteopathie durch das Fulcrum.
In welcher Beziehung stehen Wahrhei) und Realität zueinander?
Es gibt drei Wahrheiten: 1. die Wahrheit des Patienten, 2. die Wahrheit des Therapeuten und 3. die Wahrheit des “medicin interieur”. Diese 3 Wahrheiten formen die Realität der Osteopathie.
A.: Wie beziehst du diese Realität auf die Interdisziplinarität in der Medizin?
B.: Diese Realität wird durch die osteopathische Sprache zum Ausdruck gebracht. Durch die „Metapher“ läßt sich die osteopathische Sprache in eine interdisziplinarische Sprache übersetzen.
(Anm. von A.: Metapher kommt aus dem griechischen und bedeutet “Übertragung”.
A.T. Still's Sprache ist sehr reichhaltig an Metaphern.)
A.: Welche Empfehlung gibst du den Osteopathen aufgrund deiner Sichtweise?
B.: “Affirmation, imposer, pas de compromis”! (Selbst-)Behauptung, durchsetzen, keine Kompromisse!
A.: Merci beaucoups! Vielen Dank!
B.: Pas de rien! Gern geschehn!
