Kinderosteopathie

In der Regel wird die Osteopathie in Form eines fünfjährigen Studiums erlernt. Grundlage sind genaue Kenntnisse der menschlichen Anatomie und Physiologie. Sie ermöglichen es dem Osteopathen, kleinste Spannungen im Gewebe aufzuspüren. Mithilfe manueller Techniken wird anschließend versucht, die Selbstheilungskräfte zu mobilisieren sowie Funktionsstörungen oder Blockaden zu lösen.

Osteopathie beim Baby und Kind

Um Säuglinge und Kinder kompetent behandeln zu können, ist es zudem wichtig, deren anatomische gewebige, physiologische sowie immunologische Entwicklung, Entwicklungsstufen, psychologische Etappen und spezifische Krankheitsbilder von der Empfängnis bis zur Pubertät genau zu kennen.

Säuglinge, Kinder, Jugendliche

Alle Phasen der Kindheit sind kompetent zu erfassen, sodass ein angemessenes Vorgehen in der Befundung und Therapie für das Frühgeborene, das Neugeborene, das Kind und den Jugendlichen durchgeführt werden kann. Dabei integriert diese Arbeit sehr unterschiedliche Ansätze, wie strukturelle, funktionelle, vitalistische und morphodynamische Vorgehen. Die Grundsätze der Diagnostik und der Behandlung umfassen viszerale, fasziale und lymphatische, allgemeine osteopathische Behandlung sowie muskuloskelettale Ansätze und werden angemessen auf das frühe Leben des Menschen angewendet.

Spezielle Weiterbildung für Osteopathen

Da dies i.d.R. nicht in der Grundausbildung gelehrt wird, ist deshalb eine zusätzliche kinderosteopathische Weiterbildung von mindestens 400 Stunden ideal. Hier hilft die Mitgliederliste der Deutschen Gesellschaft für Kinderosteopathie (DGKO, www.kinderosteopathen.de) weiter.

Zu den Informationen über die Weiterbildung Kinderosteopathie

Meist ist auch eine gute Zusammenarbeit mit einem Kinderarzt, einem Kieferorthopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und anderen Fachkräften nötig, um einen guten Behandlungserfolg zu erzielen.

Behandlungsbilder bei Baby und Kind

Der gesamte Bauchraum ist eine wichtige Behandlungsregion beim Kind. Schiefhals, Asymmetrien, Saug- und Schluckstörungen, Schlafprobleme, wiederkehrende Ohrenschmerzen, Schreikinder, Koliken oder Lernstörungen sind einige der typischen Beschwerdebilder, bei denen Osteopathen Babys und Kinder behandeln.

Bei genannten Erkrankungsbildern, wie auch bei Kiefer- und Bissstörungen behandeln Osteopathen nicht nur lokal, sondern beziehen den ganzen Körper mit ein, da die erkrankten Regionen nicht isoliert vom Körper funktionieren. Auch das Gangbild und die Aufrichtung spielen hier eine wichtige Rolle.

Beratung der Eltern

Bei wiederkehrenden Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen versucht der Osteopath unter anderem beispielsweise die Drainage in diesen Gebieten zu verbessern, in dem neben der Ohrenregion, auch Mundhöhle, Rachen, Hals, zervikothorakaler Übergang und die Haltung global und spezifisch behandelt wird. Daneben sind wichtige Risikofaktoren für das Erkrankungsbild zu kennen um die Eltern angemessen beraten zu können. Beispielsweise unterstützt hier Stillen, weniger Schnullern, etc.
Bei chronischer Bronchitis werden häufig zusätzlich zur Lunge, auch der Rücken und Rippen sowie das Zwerchfell osteopathisch therapiert.
Auch Folgen eines Geburtstraumas werden von Osteopathen häufig behandelt. Im Folgenden werden am Beispiel von Geburtstraumata osteopathische Vorgehen dargestellt.

Das Geburtstrauma

Was ist ein Geburtstrauma?

Bei Säuglingen und Kleinkindern können Störungen aufgrund von schwierigen Geburten entstehen, da bei Geburt große Kräfte auf Hals- und Kopfbereich wirken.
So umfasst ein Geburtstrauma physische und/oder psychische Beeinträchtigungen, die auf Geschehen im Verlauf des Geburtsprozesses zurückzuführen sind. Viele Faktoren, die während des Geburtsprozesses auf das Kind einwirken, können hier genannt werden. Diese können von außen oder auch von innen wirken, zum Beispiel Folgen von Sauerstoffmangel im Gehirn. Die Abläufe können zu schnell oder zu langsam gehen – zu schnell beispielsweise im Rahmen einer Geburtseinleitung, bei Sturzgeburt oder Notkaiserschnitt, Frühgeburt etc. oder zu langsam, etwa wenn der Geburtsprozess stockt. Die Geburt kann mit zu viel Krafteinwirkung einhergehen, zum Beispiel wenn der Beckenboden der Mutter zu angespannt ist, die Coccyx der Mutter anterior verschoben oder fixiert ist und/oder äußere Kräfte wie Saugglocke, Geburtszange oder der Kristeller-Handgriff angewendet werden.

Überfordernder Geburtsprozess

Jeder Geburtsprozess, der in seiner Intensität das Kind überfordert, könnte im Weiteren als Trauma bezeichnet werden. Diese Momente können physisch das Gewebe, wie zum Beispiel das Gehirn, schädigen und möglicherweise die biologische Reifung behindern; sie können sich auch psychisch ausdrücken und die weitere emotionale Entwicklung beeinträchtigen. Ein Trauma kann beispielsweise mit Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder einem Gefühl von starkem Kontrollverlust einhergehen oder mit einem dauerhaften Gefühl von Sicherheitsmangel.

Fetales oder Geburtstrauma

Es sollte hier auch der Begriff eines fetalen Traumas differenziert werden, denn auch vor der Geburt können äquivalente Situationen für das ungeborene Kind entstehen, wie zum Beispiel Sauerstoffmangel bei rauchenden Müttern – oder auch Vätern, denn der Rauch könnte im Bett auch über die Haut ausdünsten. Oder Alkoholkonsum in der Schwangerschaft mit Toxinwirkung auf das Kind oder chronischer übermäßiger Stress, da Stresshormone plazentagängig sind und bei längerfristigem Einwirken Cortisol in der Plazenta nicht inaktiviert wird. Auch Zwillingstotgeburten sind hier zu nennen usw.

Auch Stressfaktoren nach der Geburt können osteopathische Dysfunktionen entstehen lassen.
Deshalb raten Osteopathen zu einem Untersuchungscheck innerhalb der ersten drei Monate nach der Geburt.
Eine randomisierte Studie von 2013 zur osteopathischen Behandlung bei Frühkindern weist auf den Nutzen osteopathischer Behandlungen hin.

Wie entsteht ein Geburtstrauma?

Eine der Hauptlokalisationen ist der Kopf des Kindes. Er ist mechanischen Kräften ausgesetzt, die aus einem Missverhältnis zwischen Kopf- und Beckengröße herrühren können; dies ist phylogenetisch in einer zunehmenden Hirnentwicklung und einer Verkleinerung des Beckens verortet. Zusätzlich können Beckendysfunktionen der Mütter im Bereich des Sakrums, des Coccyx, der Symphyse, des Beckenbodens, Narbenbildungen, ein starres Becken aufgrund von Bewegungsmangel oder ein erhöhter Tonus der Beckenbodenmuskulatur auftreten. Wird eine Geburt unnötigerweise etwa mit Oxytocin forciert, anstatt sie natürlich stattfinden zu lassen, kann möglicherweise der Geburtsprozess zu heftig verlaufen. Auch wenn es selbstverständlich viele Umstände gibt, die den Einsatz geburtseinleitender Maßnahmen notwendig machen.

Die Geburtsposition

Faktoren können untersucht werden, die den Geburtsprozess unterstützen bzw. diesen möglicherweise behindern. Die Geburtspositionen der Mutter wären hier zu diskutieren: Beispielsweise bietet eine Geburtsposition in der Hocke, die den Beckendurchmesser vergrößert, gegenüber Varianten in Rückenlage Vorteile. Während unterschiedlicher Geburtsphasen können unterschiedliche Bereiche der Kopfregion betroffen sein. Im Falle einer Nabelschnur, die sich um den Hals gewickelt hat, betrifft es die Halsregion und durch den Sauerstoffmangel vor allem das Gehirn. Das Gehirn ist sehr sensibel gegenüber Sauerstoffmangel, das heißt, es ist in jeder Situation, die diesen hervorruft, betroffen.

Mekoniumaspiration und Anästhetika

Eine Mekoniumaspiration, die allerdings meist vor Beginn der eigentlichen Geburt stattfindet, betrifft den gesamten Organismus, ebenso der Einsatz von Anästhetika. Letzteres müsste je nach Verfahren und Stoff differenzierter diskutiert werden. Eine hohe Adrenalinausschüttung bei der Geburt ist eine wichtige Schutzreaktion des Kindes, die bei einem geplanten Kaiserschnitt möglicherweise fehlt. Es können auch physische Traumata im Bereich der Schultern auftreten, zum Beispiel an der Klavikula oder am Plexus brachialis.

Osteopathische Befunderhebung eines Geburtstrauma

Wir achten auf körperliche, emotionale, kognitive Zeichen und das soziale Verhalten des Kindes. Der Anamnese, dem Gespräch messe ich hohe Bedeutung zu. Wie war die Schwangerschaft, die Geburt, die Geburtsposition, wie waren die ersten Reaktionen nach der Geburt? Wie ist das Verhalten des Neugeborenen oder Kindes, sein Reflexmuster? Kann es gestillt werden, zeigt es Schluck-, Saugprobleme, einen Schiefhals etc.?

Veränderungen im Nervensystem

Posttraumatisch finden wir stets Veränderungen im autonomen Nervensystem. Deshalb ist die Befundung des ANS sehr wesentlich. Wie sind die Qualitäten des Herzschlags? Wir können auch mittels der Herzratenvariabilität das Neurovegetativum messen. Nicht nur hohe offensichtliche Stresswerte, sondern auch paradoxe Werte sind ein Hinweis auf ein Trauma. Wie ist der Gesichtsausdruck des Kindes, macht es Augenkontakt? Wie ist die Haut, kalt oder warm, welche Farbe hat sie? Wie ist die Atmung, entfalten sich die Lungen gut bei der Atmung, wie bewegt sich der Bauch dabei? Ist das Kind unruhig oder anteilslos, zeigt es Schreckreaktionen? Wie sind die frühkindlichen Reaktionen bzw. das Reflexmuster? Wie ist der Muskeltonus, hyper- oder hypoton? Wie wirken die Gelenke? Gibt es Ein- oder Durchschlafstörungen? Wie ist die Interaktion zwischen den Eltern und dem Kind? Aktive Belastungen frage ich bei Kindern auch über eine visuelle Belastungsskala oder den Armlängentest ab.

Palpation

Die Palpation gibt uns weitere wichtige Informationen: Ist der Gewebetonus zu schlaff oder zu hoch? Wie fühlen sich der Schädel, der kraniozervikale Übergang, die Schädelknochen und Hirnstrukturen und der Bauchraum an? Wie das Sonnengeflecht, die Psoasmuskeln? Reagiert das Kind auf sanften Handkontakt am Kopf mit Abwehr, drückt es stark in die Hände hinein oder verdreht es sich dabei, können dies Hinweise sein, dass traumatische Auswirkungen im Rahmen des Geburtsprozesses noch aktiv sind. Häufig bringt sich das Kind selbst in Traumaposition oder verharrt in dieser. Wir können auch mittels sehr sanfter Kompression solche Traumapositionen befunden.

Osteopathische Behandlung eines Geburtstrauma?

Es ist wesentlich, dass die Eltern mitbeteiligt werden bei der Behandlung. Hier ist wichtig, dass die Eltern verstehen und Verständnis haben für die Prozesse ihres Kindes. Die Ressourcen oder Belastung innerhalb der Familie zu berücksichtigen ist bedeutsam für den Heilungserfolg. Gefühle von Sicherheit, Geborgenheit, Gehaltenwerden, Körperkontakt, einfühlsame Berührungen, Augenkontakt, mimisches Aufeinandereingehen, Wechseln von Ruhe und Aktivitäten sind allgemeine Aspekte, wie Eltern Heilung und allgemeines Wellbeing ihres Kindes unterstützen können.

Berücksichtigung von weiteren Faktoren

Auch die Berücksichtigung von Steuerungssystemen ist in der Behandlung eines Traumas wesentlich, denn sie beeinflussen die Resilienz des Systems, die Ressourcen im Kind. Belastungen durch Toxine etc. können möglicherweise Regulations- und Anpassungsvorgänge der Traumaverarbeitung behindern. Das heißt, übergeordnete Störfaktoren, etwa Antibiotikaeinnahmen, Schwermetallbelastungen über die Mutter, Nährstoffmangel der Mutter, Farbpigmente im Kinderspielzeug oder Einflüsse über den Wohnort wie Elektrosmog, sind hier zu berücksichtigen.

Kontaktaufnahme mit Baby bzw. Kind

Nach dem Gespräch mit den Eltern beginnt der Osteopath mit Kontaktaufnahme. Ein empathischer Kontakt ist hier wesentlich. Natürlich beginnt die Kontaktaufnahme schon durch die Terminvereinbarung, den Eintritt in die Praxis und den Beginn der Konsultation. Die Art, wie der Osteopath den Eltern und dem Kind gegenübersitzt, die Praxiseinrichtung, die Art des Zuhörens, Sprechens und Fragen, Mimik und Körperhaltung, all das wirkt auf das Kind und die Eltern und beeinflusst die Behandlung. Diese Kontaktaufnahme bzw. das Umfeld ist wie ein Uterus, der unsere Behandlung trägt, umhüllt und begleitet.

Dann folgt der Handkontakt, in der Regel an den Füßen. Meist passiert es von selbst, dass die Mimik des Osteopathen die Mimik des Kindes kopiert, seine Haltung die Haltung des Kindes kopiert.

Zuhörende Palpation

Behandeln bei Kindern bedeutet vor allem ein Verstehen von Prozessen, eine zuhörende Palpation. Das Kind hat die Tendenz, bestmöglich mit Traumasituationen umzugehen. Diese bestmögliche Reaktion – Ausdruck unserer Homöostase – nutzen wir in der Behandlung. Um fehlgeleitete Abläufe zu integrieren, ist es unumgänglich, biologische, psychische, mentale und andere Entwicklungen zu kennen, etwa die motorische Entwicklung, die Sprachentwicklung. Um mittels der Palpation die eigenen Ressourcen im Kind in der Behandlung zu nutzen, kann der Osteopath sich mit palpierbaren Rhythmen – dem Atemrhythmus und anderen inhärenten Rhythmen, zum Beispiel mit den sog. kraniosakralen Rhythmen zu synchronisieren.

Einfühlsamkeit und Unterstützung

Wenn das Kind eine Position zeigt, in der es verharrt oder reagiert, kann es sinnvoll sein, den Geburtsprozess in einem ressourcenreichen Zustand nachzustellen. Beispielsweise kann das Neugeborene in beide Arme genommen und mit den Händen einfühlsam den Kopf umfasst werden. Oder das Kind kann mit einer Hand am Kreuzbein und mit der anderen Hand am Kopf gehalten werden. Bewegungen des Kindes und seiner Gewebe werden verlangsamt zugelassen bzw. unterstützt.

Bewegungen des Kindes und seines Gewebes

Die Verlangsamung der Bewegungen des Kindes und seiner Gewebe, die dann stattfinden, ist dabei wesentlich. Der Prozess der Geburt wird quasi mit Ressourcen noch mal durchlebt. Wir achten dabei stets darauf, dass das Kind diesen Prozess mit ausreichend Ressourcen durchlebt, damit das Empfinden und Reagieren das Kind diesmal nicht überfordern. Wir geben dem Kind Raum und Zeit zum Atmen, Schutz vor zu viel Intensität, Kraft und Geschwindigkeit und unterstützen den Gewebeprozess zum Beispiel durch Synchronisation mit inhärenten Rhythmen.

Dysfunktionen

Auch auf mögliche Dysfunktionen wird geachtet. Der Gewebetonus gibt Einsichten auch in mögliche Belastungen, etwa der Region zwischen Kopf und Hals, des Sonnengeflechts, aller Wirbelsäulenübergänge etc.
Möglicherweise können auch sanfte bilaterale Stimulationen, zum Beispiel überkreuztes Streichen genutzt werden.

Harmonisierung

Mittellinienstrukturen bzw. -funktionen sind regelmäßig zu harmonisieren, das heißt Dynamiken im Neuralrohr, im Bereich der Chorda dorsalis und die anteriore Mittellinie. Ist der Psoas beispielsweise hyper- oder hypoton, ist dies ein Hinweis für unterschiedliche Prozesse und erfordert unterschiedliche Behandlungen. Bei Neugeborenen, noch mehr bei Frühgeborenen ist eine sehr, sehr sanfte Berührung zwingend. Verschiedene Varianten zur Synchronisierung mittels der Okziput-Sakrum-Schaukel können durchgeführt werden.

Weitere Informationen zu Osteopathie bei Kindern

 

Hier finden Sie Informationen über die Kostenübernahme von Osteopathie durch die Krankenkassen.