Mund und Kiefer

Kieferstörungen bzw. -symptome sind häufig. Der geschätzte Bedarf für Behandlungen des Temporomandibulargelenks (TMG) stieg von 5% im Jahr 1983 auf 8% im Jahr 2003 (Köhler et al 2013). Einer von 6 Erwachsenen, der einen Zahnarzt konsultierte, wies in vorangegangenen Jahren orofaziale Schmerzen auf. Muskuloligamentäre und alveolare Schmerzen sind dabei die am stärksten vertretenen Schmerztypen (Horst et al 2015). Bei einem von 6 Kindern und Jugendlichen liegen klinische Zeichen von Kiefergelenkstörungen vor (Da Silva et al 2016). Mehr als 23% der Kinder im Vorschulalter weisen Schmerzen beim Kauen und Gelenkgeräusche auf (Fricton 2007).

Kiefergelenk und Mundfunktionen

Kiefergelenk und Mundfunktionen sind untrennbar miteinander verbunden. Es umfasst Funktionen wie Kauen, Schlucken, Sprechen, Mimik, Saugen. Außerdem stehen Kiefer – und Mundfunktionen in enger Wechselwirkung zu den Funktionen des Atmungs-, Bewegungs-, Halte- und Stützapparats, Magen-Darm-Trakts, Kreislauf- und Hormonsystems, Nerven-Sinnes-Bereichs und sowie psychomentalen und psychosomatischen Funktionen (von Treuenfels 1985).
Die Bezeichnung „Säugling“ verdeutlicht die wichtige Bedeutung der Mundfunktionen bereits in dieser frühen Entwicklungsphase des Menschen. Physiologische Saug- und Schluckfunktionen sind die Grundlage für eine normale Entwicklung aller Mundraumstrukturen. Der Eingangsbereich „Mund“ stellt insbesondere in den ersten Lebensjahren eine Art Schaltzentrale dar. Viele Beschwerden des Bewegungs- und Nervensystems nehmen in dieser frühen Zeit ihren Ursprung. Mund und Mundmimik haben wichtige soziale und kommunikative Komponenten, die maßgeblich am emotionalen Ausdruck beteiligt sind.

Dyfunktion des Kiefergelenks

Deshalb sind Dysfunktionen des Kiefergelenks in der Regel nur im Kontext der Lebensäußerung des jeweiligen Menschen zu verstehen und zu behandeln.
Kiefergelenkdysfunktionen haben oft einen langen pathophysiologischen Vorlauf, der unter Umständen sogar bis in die Embryonalzeit oder bis zur Geburt zurückreicht, wie z.B. bei intrauterinen Lageverschiebungen.
Schon seit Anbeginn der Osteopathie wurde das Kiefergelenk (Temporomandibulargelenk = TMG) als Teil der Ganzheit des Körpers berücksichtigt (Liem 2010).
Bereits der Begründer der Osteopathie, A.T. Still (1992) sowie andere frühe Osteopathen wie W.G. Sutherland (1939), H.Y. Magoun (1976) verstanden das Kiefergelenk als Teil der Gesamtheit des Körpers und berichten von Techniken zur Behandlung von Kiefergelenkdysfunktionen. Magoun (1976) und H.H. Fryette (1994) beschreiben mögliche Ursachen sowie diagnostische und therapeutische Methoden für Kiefergelenksstörungen. Im Gegensatz zu klassischen schulmedizinischen Behandlungen wird in der Osteopathie auch den Ossa temporalia in der Behandlung von Kiefergelenkdysfunktionen berücksichtigt (DiGiovanna, Schiowitz 1997, Magoun 1976). Die US-amerikanischen Osteopathen S.D. Blood (1986), R.J Hruby (1985) und S.J. Smith (1981) vermuten bei Dysfunktionen des TMG einen engen Zusammenhang mit vielfachen Störungen des gesamten Körpers.

Kraniomandibuläre Dysfunktion

Eine kraniomandibuläre Dysfunktion („craniomandibular dysfunction“, CMD) ist ein multifaktorielles Erkrankungsbild (Moraes et al 2013). Die Summation und Interaktion von Störfaktoren bedingen schließlich die Entstehung von Symptomen. Der Begriff der CMD umfasst verschiedene Komponenten wie das TMG, die Kaumuskulatur und die assoziierten Gewebe (z.B. Bänder und Bindegewebsstrukturen). Diese Komponenten sind bei der Entstehung von Schmerzen, eingeschränkter Kieferbeweglichkeit oder Geräuschen des TMG beteiligt.
Eine Literaturstudie von Antczak-Boukoms (Antczak-Boukoms 1995) von 1980 bis 1992 zeigt mehr als 4 000 Bezüge zur temporomandibulären Funktionsstörung („temporomandibular disorder“) auf. Eine einheitliche Definition des Begriffs gibt es in der Literatur nicht.

In der westlichen Bevölkerung liegt die Prävalenz zwischen 3% und über 40%, mit einer Inzidenzrate von 2–4% (LeResche 1997)
Eine Metaanalyse zum orofazialen Schmerz ergab eine Gesamtprävalenz für myofaszialen CMD-Schmerz von 45,3% und für Diskusdislokationen von 41,1% (Manfredini et al 2011). Ein Schleudertrauma- (Marini et al 2013) begünstigt die Entstehung einer myofaszialen CMD. Bruxismus und symptomatischer gastroösophagealer Reflux weisen deutliche Assoziationen auf (Li et al 2018). Anhand eines narrativen Reviews von Landzberg et al (2017) konnte ein Zusammenhang zwischen CMD und Schleudertraumata anhand der Schwere der auftretenden CMD – Symptomatiken bei Schleudertrauma nachgewiesen werden.

Symptome von CMD sind mit Migräne assoziiert (Florencio et al 2017). Patienten mit der Kombination von schmerzhafter CMD und Migräne weisen eine erhöhte Prävalenz für systemische Erkrankungen und unspezifische physische Symptome auf (Contreras et al 2018).
Komorbiditäten bei myofaszialer CMD sind häufig. Unter anderem deshalb wird die Prognose bei myofaszialer CMD kontrovers diskutiert.

Weitere Informationen zu Mund und Kiefer in der Osteopathie aus unserem Blog:

Die Kiefer- und Mundfunktion ist sehr bedeutsam für ein gesundes Leben. Es steht im engen Zusammenhang mit unserer kindlichen Entwicklung und begleitet uns ein Leben lang. Auch die Osteopathie forscht in diesem Bereich, um neue Erkenntnisse zu Krankheitsbildern und deren Folgen im Mundraum zu erfahren.

[1] Köhler AA, Hugoson A, Magnusson T: Clinical signs indicative of temporomandibular disorders in adults: time trends and associated factors. Swed. Dent. J. 2013; 37(1): 1–11.
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