Biomechanische Selbstpflege von Phillip Beach DO

In den frühen Jahren meiner Berufstätigkeit war ich immer wieder überrascht von der Häufigkeit des Phänomens von Nacken- und unteren Rückenschmerzen. Ich behandelte steife Menschen, bewegliche Menschen, große und kleine Menschen, sportive und weniger sportive Menschen, untergewichtige und übergewichtige Menschen, junge und alte Menschen, und viele darunter behandelte ich wegen Schmerzen, die in unserer modernen Welt bereits endemisch geworden sind. Wenn es einen gemeinsamen Faktor gegeben hat, so konnte ich ihn in diesen frühen Jahren meiner Praxis nicht erkennen.

Nach und nach begann ich jedoch eigenständig zu denken. Ich wand mich der Embryologie und der Evolutionsbiologie der Wirbeltiere zu, um darin eine übergeordnete Perspektive zu suchen. Die moderne Menschheit hat eine direkte Geschichte von etwa 200.000 Jahren, während sich jedoch unsere Abstammung etwa 6-7 Millionen Jahre weiter in der Geschichte zurückerstreckt. Diese Zeiträume sind eigentlich unvorstellbar. Der Prozess begann mit einem Affen, der sich angewöhnte, seine Zeit auf beiden Hinterläufen zu verbringen, anstatt auf allen Vieren daherzuschlendern. Die Bipedie geht der Ausbildung großer Gehirne, dem Feuer, der Sprache und Werkzeugen voraus. Der aufrechte Gang initiierte in gewisser Weise eine Kaskade an Veränderungen, die uns zu dem fantastischen Chaos geführt haben, in dem unsere Spezies nun auf alles Leben Einfluss nimmt, sei es in den tiefsten Meeresgräben oder den höchsten Ozonschichten. Innerhalb dieses Zeitabschnitts entwickelten wir uns zu biomechanisch effizienten Fußgängern und mit etwas mehr Evolutionsfeintuning wurden wir sogar angepasste Langstreckenläufer auf zwei nackten Füßen. Wenn wir nicht gerade gingen oder liefen, etwas zogen oder warfen, dann kehrten wir auf den Boden zurück, um uns hier auszuruhen. Wir legen uns zum Schlafen hin, setzen uns um auszuruhen oder zu essen, und wir hocken uns hin, um Kinder zu gebären oder um Stuhl- und Harndrang nachzugehen. So behaupte ich, dass sich das Gehen und das Laufen auf Boden-basierte Haltungen zurückführen lässt und von diesen im gleichen Maße auch aufrechterhalten wird. So ist es bereits seit vielen Millionen Jahren.

Allerdings hat sich dies verändert. Ein jeder von uns hat mittlerweile einen ganz typischen Tag – einen Alltag. Wir schlafen auf einer harten Matratze, die etwa in Sitzhöhe aufliegt. Unsere erste Bewegung des Tages ist die, von dieser Sitzhöhe aus aufzustehen. Wir bewegen uns in Richtung der Toilette; essentielle physiologische Normen führen wir in einer sitzenden Position aus. Wir sitzen am Frühstückstisch, gehen oder sitzen auf dem Weg zur Arbeit, sitzen und stehen die meiste Zeit des Tages auf der Arbeit, sitzen beim Mittagessen, sitzen wieder auf dem Heimweg, sitzen beim Abendessen, sitzen vor dem Fernseher, nur um uns dann auf unser Bett zu setzen.

Wir stammen ab vom Homo erectus. Das aufrechte Stehen hat uns definiert. Wir richteten uns vom Boden auf und nicht etwa von einem Stuhl. Alles um unser funktionales, biomechanisches Leben ist ausgerichtet auf Boden-basierte Ruhephasen und auf die ganz spezielle Kraft, die es braucht, um von diesen wieder aufzustehen. Ich nenne die sitzende Seite dieser Idee die „archetypischen Haltungen“ und die Mühe, die es braucht um aufzustehen, nenne ich die „Erectorcises“. Willst du also von einem biomechanischen Standpunkt aus betrachtet, gut alt werden, dann habe ich einen einfachen Rat für dich – verbringe Zeit auf dem Boden und richte dich mit guter Haltung und Form vom Boden wieder auf.

In meiner klinischen Praxis habe ich dies in einen Untersuchungsablauf umformuliert, der mir einen grundlegenden Einblick in die biomechanische „Feinstimmung“ einer Person gibt. Ich erzähle meinen Patienten, dass diese archetypischen Haltungen so tief in ihrem biomechanischen Profil verankert sind, wie ein Blutdruck von 120/80 mmHg es für ihr kardiovaskuläres System ist. Den Zugang zu diesen archetypischen Haltungen zu verlieren, bedeutet gleichsam eine biomechanische Belastung für das gesamte muskuloskelettale System. Mit der Zeit wird dies einen schädlichen Effekt auf den bewegten Körper haben. Es braucht Zeit und Unterrichtung, um diese Haltungen und Bewegungen interpretieren zu lernen, sind sie jedoch einmal verstanden, lassen sie sich auf fast alle Patienten und auch auf dich selbst anwenden.

Der Patient steht und ich untersuche ihn so von dorsal, ventral und lateral in der normalen Art und Weise. Danach bitte ich den Patienten sich nach vorn in Richtung des Bodens vorzubeugen, sich hinzuhocken, sich auf die Knie zu setzen und auch auf die Zehen, sich im japanischen Stil zu setzen, sich im Damensitz zu setzen und dann auch in verschiedenen Art und Weisen mit überkreuzten Beinen zu setzen. Danach schaue ich mir an, wie er aufsteht.

Die volle Hockposition mit beiden Füßen flach auf dem Boden ist ein normaler Meilenstein der Entwicklung für die meisten Kinder. Mit adäquater Dorsalflexion im Sprunggelenk kann der Tibialis anterior entspannt werden. Diese Haltung ist grundlegend erholsam für die lumbale Wirbelsäule, da sie hier in der Flexion verbleiben mag, allerdings auch ein Minimum an Traktion erfährt.

Der Zehensitz ist eine Arbeitshaltung. Sind die Zehen extendiert und der Fuß vertikal ausgerichtet, ermöglicht dies ein schnelles Aufrichten in den Stand. Ich setze dies gerne gleich mit dem Standby-Modus eines Fernsehers, nicht voll eingeschaltet, aber immer bereit loszulegen, sofern gebraucht. Die meisten westlichen Menschen schätzen diese Haltung, als eine der herausforderndsten ein, da durch das habituelle Tragen von Schuhen ihre Plantarfaszie fest und schwach ist.

Sitzen im japanischen Stil ist vergleichbar mit der oben-genannten Haltung, nur dass die Füße plantarflektiert sind. Es handelt sich um eine Ruheposition, vergleichbar mit dem Zehensitz. Der Kalkaneus sollte dabei nach lateral fallen, der Quadrizeps ist entspannt, die Wirbelsäule aufrecht. Sich hier 10min bequem halten zu können, entspricht der Norm.

Haltungen mit den Beinen überkreuzt sind eine weitere große Gruppe archetypischer Haltungen. Ich sehe jedoch häufig Patienten, die lineare Haltungen diesen Haltungen, in denen die Beine abduziert sind, vorziehen. Befindet man sich in einer guten „Feinstimmung“, so ist es ein Leichtes von den lineareren Haltungen in die Überkreuzten-Bein-Haltungen zu wechseln, so, wie es der Boden und der eigene Komfort vorgeben. Noch einmal denke ich, dass hier 10min Verweildauer als Norm angesehen werden kann, bevor zur nächsten Position übergegangen wird.

Die andere Seite der Bodenhaltungen ist das Aufrichten in den Stand. In meinem Workshop untersuchen wir die vielen Möglichkeiten, die es gibt, sich zum Stehen aufzurichten. Diese Sequenzen lassen sich sowohl auf ältere, biomechanisch beeinträchtigte Patienten zuschneiden, als auch hochfahren, um selbst Elitesportler herauszufordern.

Ich selbst sitze gerade mit meinen Beinen überkreuzt in Wellington, Neuseeland, und schreibe diesen Text.

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