Das Turnout im klassischen Tanz – bessere Außenrotation durch Osteopathie?

Als Turnout wird im klassischen Tanz die Außenrotation der unteren Extremität bezeichnet, in der die Längsachse der Füße einen Winkel von bis zu 180° betragen kann.

Christine Lohr (M.Sc. Ost.) untersuchte in einer Pilotstudie anhand von 17 Tänzerinnen und 2 Tänzern den Einfluss verschiedener myofaszialer Techniken (myofascial release, MFR) auf die isolierte Außenrotation der Hüfte und das funktionelle Turnout. Zusätzlich wurde die subjektiv empfundene körperliche Flexibilität über einen Fragebogen erhoben.

Als Messinstrumente wurden ein Plurimeter, Functional Footprints und die Adjektivliste zur Erfassung der Wahrgenommenen Körperlichen Verfassung verwendet.

Zur Auswertung wurden die Daten von der Baseline-Messung mit denen nach dem vierwöchigen Behandlungsintervall verglichen (Prä vs. Post) und zusätzlich mit denen des Follow-up nach weiteren vier Wochen (Prä vs. Follow-up).

Die insgesamt 19 Studienteilnehmer wurden randomisiert der Interventionsgruppe (n= 10) oder Kontrollgruppe (n=9) zugeordnet. Lediglich die Probanden der Interventionsgruppe erhielten vier standardisierte Behandlungen, die jeweils 20 Minuten dauerten. Die Auswahl der direkten MFR-Techniken orientierten sich an den myofaszialen Funktionsketten, die am Turnout beteiligt sind und wurden von distal nach proximal ausgeführt.

Die Behandlungsroutine der unteren Extremität dauerte 6 Minuten pro Bein und startete an der Plantarfaszie. Über den hinteren, vorderen und lateralen Unterschenkel wurden schließlich die faszialen Adhäsionen des Oberschenkels gelöst und der Tractus iliotibialis behandelt.

Im zweiten Behandlungsschritt lag der Fokus auf dem Beckengürtel und dauerte ca. 60 – 90 Sekunden je Seite. Hierbei wurden die myofaszialen Strukturen der Region zwischen Becken und Trochanter major des Oberschenkelknochens durch Druck- und Oszillationstechniken gelöst.

Die abschließende Behandlungsregion lag in der vorderen und hinteren Rumpffaszie. Hierbei wurden für ca. 60 Sekunden auf jeder Seite sowohl die Fascia thoracolumbalis als auch die Faszien des M. iliacus und M. psoas entspannt.

 

Die Auswertung der erhobenen Messdaten ergab, dass sich die isolierte externe Hüftaußenrotation der rechten Hüfte sowie die subjektiv empfundene physische Flexibilität in der Interventionsgruppe signifikant vergrößerten. Die Außenrotation der linken Hüfte und das Turnout des rechten und linken Fußes scheinen nicht von der Behandlung beeinflusst worden zu sein. Hierbei ist hervorzuheben, dass die MFR-Behandlung sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene effektiv zu sein scheint.

 

Die Autorin begründet die positiven Ergebnisse auf die isolierte Außenrotation mit einer Abnahme der myofaszialen Stiffness, die mit einer Verlängerung von Sehnen, Aponeurosen und anderem Bindegewebe einhergeht. Zudem wird vermutet, dass sich auf zellulärer Ebene die Kontraktionen und Flüssigkeitsdynamiken als Reaktion auf die mechanischen Reize verändert haben könnten. Als weiterer Wirkmechanismus wird das Lösen myofaszialer Adhäsionen, auch Crosslinks genannt, diskutiert. Sie entstehen durch akute oder chronische Überlastung und Inaktivität. Ein Auflösen dieser Verklebungen könnte die physiologische Gleiteigenschaft zwischen den verschiedenen Faszienschichten wiederherstellen und somit für eine verbesserte inter- und intramuskuläre Flexibilität sorgen. Für die abweichenden Beobachtungen der Hüftaußenrotation im rechts-links-Vergleich verweist die Autorin unter anderem auf das Common Compensatory Pattern nach Dr. Gordon Zink, der bei 80% gesunder Menschen ein funktionell längeres Bein auf der linken Seite beobachtet hat und eine damit assoziierte höhere Spannung im linken paraspinalen Weichteilgewebe.

 

Als Besonderheit dieser Studie ist hervorzuheben, dass das methodologische Vorgehen exakt beschrieben ist, so dass alle einzelnen Behandlungsschritte transparent und reproduzierbar sind. Zudem werden im Diskussionsteil sehr konkrete physiologische Wirkmechanismen der myofaszialen Behandlung dargestellt und zusätzlich auch Erklärungsmodelle für die weiteren Studienergebnisse präsentiert. Insbesondere im osteopathischen Kontext bleiben diese Aspekte in Publikationen häufig offen.

 

Referenz:

Lohr C. et Schmidt T. (2017) Turnout in Classical Dance: Is It Possible to Enhance the External Rotation of the Lower Limb by a Myofascial Manipulation? A Pilot Study. Journal of Dance Medicine & Science. 21(4): 168-178. doi: 10.12678/1089-313X.21.4.168.

 

Wir beglückwünschen unsere ehemalige Studentin und aktive Dozentin Christine Lohr sowie den Co-Autor Dr. Dr. Tobias Schmidt, wissenschaftlicher Direktor an der OSD, zu ihrer Publikation in einem internationalen Fachjournal!

 

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