Geschichte und Philosophie der Osteopathie

Verfahren der Heilkunde, wie die Osteopathie, entstehen in einem bestimmten soziokulturen, historischen und hermeneutischen Kontext. Diese prägenden Einflüsse werden für die jeweiligen Protagonisten jedoch häufig für so selbstverständlich gehalten, dass die zu Grunde liegenden Glaubensmodelle nicht selten weitgehend unreflektiert bleiben.
Wer die Osteopathie ausschließlich als eine Art Offenbarungslehre versteht, läuft Gefahr kultur-, sozial- und wissenschaftshistorische Bedingtheiten im Entstehungsprozess der Osteopathie zu negieren und sich dadurch evolutionären Potenzialen zu verschließen.

Entstehung der Osteopathie

Entwickelt wurde die Osteopathie vom US-Amerikaner Dr. Andrew Taylor Still (1828–1917). Obwohl Stills Begründung der Osteopathie für ihn als eine Art persönliche Offenbarung erlebt worden sein mag und – bis auf wenige Ausnahmen – keinerlei Referenzen in seinen Schriften zu finden sind, bestehen deutliche Hinweise kulturhistorischer Bedingungen und Einflüsse medizinischer Ideen seiner Zeit in der Entstehung der osteopathischen Lehre.

Dr. Andrew Taylor Still und sein persönlicher Hintergrund

Ausgehend von persönlichen Schicksalsschlägen und aus der Auseinandersetzung mit einer in vielfacher Hinsicht starken Nebenwirkungen behafteten, gesundheitsschädlichen Medizin, entwickelte Still ein neues ganzheitliches medizinisches System, das er Osteopathie nannte. Im Jahre 1874 trat er mit seinen philosophischen und praktischen Grundlagen der Osteopathie zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.
Erste Wegweiser können bereits in der Kindheit Stills verortet werden. In der Tradition des Methodismus aufgewachsen – dessen Begründer Wesley eine strikte Alkoholabstinenz vertrat – wurde Still dadurch bereits möglicherweise gegen die Gabe von Drogen jeglicher Art sensibilisiert. Dies umso mehr als Alkohol zu den medizinisch verordneten Arzneimitteln gehörte. Abgesehen davon, dass die eigentliche medizinische Praxis Wesleys und der Methodistenprediger der heroischen Medizin sehr ähnlich war.
Ein weitere Aspekt ist die Naturverbundenheit, die sich seit frühster Kindheit durch sein Leben zieht und die sich auch in seinen gesamten Veröffentlichungen wiederfindet.

Verschiedenste Einflüsse prägten die Entwicklung

Die bedeutsamsten Einflüsse für die Entwicklung der Osteopathie waren insbesondere die mit der industriellen Revolution und der newton’scher Wissenschaft einhergehende Sichtweisen über den Körper, die aufkommende Anatomisierungswelle, spirituelle Einflüsse durch den Methodismus, den amerikanischen Transzendentalismus mit dessen Seitenarm dem Spiritismus und Swedenborgianismus, sowie die damaligen Evolutionskonzepte.

Philosophie, Sichtweisen, Modellen, Ansätzen und Techniken

Ein mündiges Verständnis osteopathischer Diagnostik- und Behandlungsverfahren bedingen neben Studien zu ihrer Wirksamkeit ebenso Beiträge zu historischen Themen, wie auch Diskussionen zu ihren philosophischen Grundgedanken, Sichtweisen, Modellen, Ansätzen und Techniken. Diese Kenntnisse ermöglichen einerseits Dynamiken und Glaubensmodelle innerhalb der Osteopathie adäquater zu beurteilen und andererseits bewusster an der Weiterentwicklung der Osteopathie mitzuwirken.

Der Begriff „Osteopathie“ leitet sich vom griechischen Wort „osteon/οστέον“ bzw. „ostoun/οστοῦν (Knochen, Bein) und „pathos/πάθος“ („das was einem zustößt“, Leid, Leidenskampf, Schmerz, Ereignis, Vorgang) her.

Die praktische Ausübung

Die praktische Ausübung der Osteopathie stellt ein manuelles Medizinsystem dar. Der Schwerpunkt ist auf die Förderung von Gesundheit im Organismus gerichtet. Dies soll mittels spezieller manueller Diagnose- und Therapiemethoden erreicht werden, deren Hauptfokus auf strukturellen Beziehungen und Wechselwirkungen der verschiedenen Gewebe/Organsysteme und ihrer Funktion liegt.
„Die Osteopathie ist zugleich eine Philosophie, eine Wissenschaft und eine Kunst. Ihre Philosophie beinhaltet das Konzept von der Einheit von Struktur und Funktion des Organismus im gesunden wie im kranken Zustand. Als Wissenschaft umfaßt sie Biologie, Chemie und Physik im Dienst der Gesundheit sowie der Prävention, der Heilung und der Linderung von Krankheiten. Ihre Kunst besteht in der Anwendung dieser Philosophie und Wissenschaft in der Praxis der osteopathischen Medizin und Chirurgie sowie aller ihrer Fachbereiche.“ H. M. Wright, Perspectives in osteopathic medicine. Kirksville College of Osteopathic Medicine, Kirksville 1976.

Somatische Dysfunktion

Seit Beginn der Osteopathie stellt das Konzept der somatischen Dysfunktion ein zentrales Konzept innerhalb der Osteopathie dar. Zunächst bildete sich unter dem Begriff der „osteopathischen Läsion“ eine reiche klinische und einfache wissenschaftliche Tradition heraus. Mitte der 1960er-Jahre wurde dieser Begriff jedoch zum Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen osteopathischer und allopathischer Medizin, welche die Übernahme der Behandlungskosten der Osteopathie durch die Versicherungsträger bedrohte. Da dieser Begriff von Laien wenig verstanden wurde, prägte die US-amerikanische Osteopathin Ira Rumny den Begriff „somatische Dysfunktion“ als Ersatz für die „osteopathische Läsion“, ohne das Konzept damit zu verändern. In den folgenden Jahren breitete sich der Begriff der „somatischen Dysfunktion“ weiter aus und wurde schließlich vom Educational Council on Osteopathic Principles (ECOP) offiziell als Begriff der Wahl anerkannt.

Erfahren Sie hier mehr darüber, wie Sie Osteopath werden.