Osteopathie bei Kopfschmerzpatienten – Systematisches Review zum aktuellen Forschungsstand

Meist werden in Journalartikeln Ergebnisse klinischer Studien (z.B. RCT) präsentiert, die die Wirksamkeit einer Behandlungsoption für ein bestimmtes gesundheitliches Problem untersuchen. Es gibt aber auch andere Publikationstypen in der Gesundheitsforschung, wie Sekundäranalysen von bereits veröffentlichter Literatur. Das systematische Review ist eine Methode, um die verfügbaren Erkenntnisse zu einer spezifischen Forschungsfrage zusammenzutragen und auszuwerten.

Die internationale Cochrane Collaboration hat sich zum Ziel gemacht, die aktuelle Evidenz zur Wirksamkeit von Interventionen zu Prävention, Behandlung und Rehabilitation zur Verfügung zu stellen. Ihre Reviews gelten als Qualitätsstandard in der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung. „Wissenschaftler, die systematische Reviews durchführen, nutzen explizite Methoden zur Minimierung von Bias, um reliable Ergebnisse zu generieren, die zu einer Entscheidungsfindung beitragen können.“ (Cochrane Library, 2017).

In diesem Blogbeitrag wollen wir ein kürzlich veröffentlichtes systematisches Review vorstellen, das den Forschungsstand für die osteopathische Behandlung von primären Kopfschmerzerkrankungen zusammenfasst. Ein italienisches Forscherteam um Francesco Cerritelli identifizierte dafür fünf Studien, die in die systematische Analyse einbezogen werden konnten.

 

Identifikation relevanter Studien

Randomisierte und quasi-randomisierte kontrollierte Studien zur osteopathischen Behandlung von primärem Kopfschmerz wurden in das Review eingeschlossen. Die Behandlung wurde entweder mit einer Schein- oder Standardbehandlung verglichen. Die Autoren beschränkten ihre Suche nicht auf spezifische Patientengruppen oder osteopathische Therapieansätze. Allerdings mussten die Studien eine Mindestbehandlungsdauer von 4 Wochen aufweisen und als primären Outcomeparameter die Kopfschmerztage pro Monat erhoben haben.

Folgende Keywords wurden für die Datenbankrecherche (z.B. in PubMed, Embase, ScienceDirect, Scopus) verwendet: osteopath*, manipulate*, treatment or therapy, headache, migraine (*als Platzhalter/Wildcard). Die exakte Kombination der Suchbegriffe wurde der Publikation als Anhang beigefügt (Cerritelli et al., 2017).

Um alle Veröffentlichungen zu dieser Thematik einzuschließen, legten die Autoren nur wenige Ausschlusskriterien bezüglich des Studienprotokolls und der Zielgruppe fest. Daher unterschieden sich die Rechercheergebnisse in der Frequenz und Länge der Behandlungssitzungen. Diese variierten zwischen einer einmaligen Behandlung und der Untersuchung unmittelbarer Therapieeffekte und 4 Behandlungen pro Woche bis hin zu 8 Behandlungen innerhalb von 6 Monaten. Zudem wurden unterschiedliche Kontrollgruppen gewählt: Scheinbehandlung, progressive Muskelentspannung, Ruhe oder ein Fragebogen.

 

Evidenz bleibt unklar

Insgesamt wurden die Daten von n=265 erwachsenen Studienteilnehmern ausgewertet. Vier Studien berichteten von dem festgelegten primären Outcome (n=213). Zusammenfassung der Studienergebnisse, basierend auf der Beschreibung im Review:

In einer Studie reduzierte sich die Häufigkeit der Migräne signifikant nach 6 Monaten, im Vergleich mit der Kontrollgruppe. Eine andere Studie erzielte keine signifikante Reduktion der Migränetage innerhalb der Interventionsgruppe und es gab keine Unterschiede zwischen den Gruppen.

Die Kopfschmerzhäufigkeit wurde innerhalb einer kürzeren Periode erhoben, nach 4 Wochen befundorientierter Behandlung verringerte sich die Kopfschmerzhäufigkeit um 33% im Vergleich zur Kontrollgruppe. In einer Studie, die eine 6-wöchige OMT-Intervention untersuchte, wurde von einer signifikanten Differenz zwischen der Interventions- und Kontrollgruppe berichtet. Bei beiden Kopfschmerz-Studien waren die Ergebnisse hochsignifikant, die absolute Reduktion wurde in dem Review jedoch nicht angegeben, so dass die klinische Relevanz nicht beurteilt werden kann.

Das Review von Cerritelli und Kollegen bewertet die osteopathische Behandlung in der Therapie von Kopfschmerz- und Migränepatienten hinsichtlich einer reduzierten Frequenz der Episoden und einem rückläufigen Bedarf an Medikation (sekundäres Outcome, hier nicht beschrieben) als sinnvoll.

 

Kann den Ergebnissen vertraut werden?

Diese Frage ist meistens nicht einfach zu beantworten, weil verschiedene Faktoren im Studiendesign berücksichtigt werden müssen, um die Validität einer Untersuchung zu beurteilen. Die Cochrane Collaboration hat ein Tool entwickelt, um das Verzerrungspotenzial (risk of bias, RoB) von kontrollierten Studien einzuschätzen (Higgins et al. 2011). Wichtige Aspekte, die darin bewertet werden, sind: a) Randomisierung, b) verdeckte Gruppenzuordnung, c) Verblindung, d) Vollständigkeit der Outcomedaten, e) selektive Darstellung und andere Formen von Bias. Das RoB-Tool wurde von Cerritelli und Kollegen ebenfalls verwendet und alle inkludierten Studien zeigten ein unklares oder hohes Verzerrungspotenzial. Die Autoren bewerten die methodologische Qualität als gering, da Limitationen in der Randomisierung vorliegen und die Darstellung der Outcomedaten inkomplett ist. Zusätzlich kann die Effektstärke der Behandlung aus der vorliegenden Evidenz nicht abgeleitet werden.

 

Referenz:

Cerritell F, Lacorte E, Ruffini N, Vanacore N: Osteopathy for primary headache patients: a systematic review. J Pain Res. 2017; 10: 601–611

 

Weitere Literatur:

Cochrane Library (2017): Website of the Cochrane Library – About Cochrane Reviews. http://www.cochranelibrary.com/about/about-cochrane-systematic-reviews.html (last assessed on 07.07.2017)

Higgins JP, Altman DG, Gøtzsche PC, Jüni P, Moher D, Oxman AD, Savovic J, Schulz KF, Weeks L, Sterne JA; Cochrane Bias Methods Group; Cochrane Statistical Methods Group. The Cochrane Collaboration’s tool for assessing risk of bias in randomised trials. BMJ 2011;343d5928

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