Osteopathische Behandlung nach einer Bauch-OP – Wirksamkeit bei postoperativem Ileus auf die Länge des Krankenhausaufenthaltes

DE - 81 - Osteopathische Behandlung bei postoperativem Ileus

 

In einer neueren Studie des amerikanischen Chirurgen Baltazar und seinen Kollegen (2013) wurde der Einfluss einer osteopathischen Behandlung (im amerikanischen: „osteopathic manipulative treatment“ = OMT) nach einer Bauch-OP auf verschiedene Patientenoutcomes untersucht. Dabei verglichen Sie Patienten mit und ohne OMT kurz nach einer OP in Bezug auf folgende postoperative Zielgrößen: Dauer bis Darmtätigkeit wieder einsetzt (time to flatus and bowel movement), Dauer bis zur Aufnahme klarer Flüssigkeiten und die Dauer des postoperativen Krankenhausaufenthaltes.

Ileus – Häufige Komplikation nach einer Operation

Einer der häufigsten Gründe für einen verlängerten Krankenhausaufenthalt nach einer Bauch-Operation ist der postoperative Ileus (POI), auch Darmverschluss genannt. Grundsätzlich kann eine Einschränkung der Darmaktivität nach der Operation erwartet werden, hält diese jedoch länger als 48 Stunden an, wird dies als kritisch und potentiell lebensbedrohlich bewertet. Generell wird ein multimodaler Ansatz in der Prävention und Behandlung eines Darmverschlusses empfohlen. Oft erfolgt eine medikamentöse Behandlung.

Wie kann eine osteopathische Behandlung hier unterstützend wirken?

Eine osteopathische Behandlung beeinflusst durch verschiedene manuelle Techniken das muskuloskelettale System und reguliert den Einfluss des autonomen Nervensystems auf den Magen-Darm-Trakt, indem der Sympathikotonus reduziert wird[1]. Auf Grundlage dieses Mechanismus argumentieren die Autoren der Studie, dass das Auftreten eines postoperativen Ileus durch eine osteopathische Behandlung ohne den Einsatz von Medikamenten reduziert werden kann. Dies könnte zudem kostengünstiger sein und die Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung vermeiden[2]. Einzelne Studien konnten die Effektivität von osteopathischen Behandlungen, z.B. durch eine verkürzte Aufenthaltsdauer aufgrund eines POI im Krankenhaus, zeigen.

Neue Studienergebnisse

Die medizinischen Daten von chirurgischen Patienten, die sich innerhalb eines Jahres in einer amerikanischen Klinik operieren ließen, wurden rückblickend ausgewertet. Dabei wurden zwei Gruppen gebildet: eine Gruppe von 17 Patienten hatte kurz nach der OP eine osteopathische Behandlung erhalten, die andere Gruppe von 38 Patienten erhielt diese nicht. Bei den Patienten wurde entweder eine Operation am Dick- bzw. Dünndarm oder am Magen durchgeführt. Die beiden Gruppen waren in Bezug auf ihre prognostischen Kriterien vergleichbar (Alter, Allgemeinzustand, Komorbiditäten, Elektrolytwerte und postoperative Komplikationen), sodass eine Verzerrung der Studienergebnisse durch Unterschiede zwischen Interventions- und Kontrollgruppe nicht zu erwarten war.

Die einmalige osteopathische Behandlung erfolgte innerhalb von 48 Stunden nach der OP und dauerte zwischen 15 und 35 Minuten. Dabei wurden zum Beispiel myofasziale release- oder MET-Techniken, aber auch kraniale Manipulation angewandt. Zu den dabei am häufigsten behandelten Strukturen gehören der Zwerchfell-Rippen- sowie der Rippen-Wirbel-Bereich (costophrenic, costovertebral).

Die Dauer bis zur ersten Aufnahme von klaren Flüssigkeiten und bis zum ersten Stuhlgang nach der OP unterschied sich nicht signifikant zwischen den Patientengruppen. Bei den osteopathisch behandelten Patienten kam es aber eher zum Einsetzen der Darmtätigkeit (time to flatus; im Durchschnitt 3,1 Tage im Vergleich zu 4,7 Tagen bei den anderen Patienten). Ein sehr deutlicher Einfluss zeigte sich zudem auf die postoperative Aufenthaltsdauer im Krankenhaus. Diese betrug bei osteopathisch behandelten Patienten durchschnittlich 6,1 Tage, bei den anderen Patienten hingegen 11,5 Tage.

Fazit – Bedeutung für die Osteopathie

Die Autoren konnten mit dieser Studie zeigen, dass sich eine einzige osteopathische Behandlung innerhalb von 48 Stunden nach einer OP positiv auf die Darmtätigkeit auswirken und den weiteren Krankenhausaufenthalt verkürzen kann. Die genauen Wirkungsmechanismen sind dabei noch unklar. Zum einen wirken osteopathische Behandlungen regulierend auf das autonome Nervensystem. Zum anderen deuten Studien darauf hin, dass nach einer osteopathischen Behandlung die Heilung durch einen erhöhten Stickoxid-Anteil im Blut unterstützt wird[3], was wiederum die Darmtätigkeit anregen könnte.

Die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus ist ein wichtiger Kostenfaktor im Gesundheitswesen. In der vorliegenden Studie war diese Dauer bei osteopathisch behandelten Patienten durchschnittlich um 5,4 Tage kürzer, was einen deutlichen Einfluss auf die Kosten-Effektivität der Behandlung hat.

Ausblick/weitere Forschung

Zu den Einschränkungen dieser Studie zählt, dass die Patientendaten sekundär ausgewertet wurden. Somit kann nicht eindeutig beurteilt werden, ob die Unterschiede zwischen den Gruppen auf die Behandlung oder andere Faktoren – zu denen keine Daten erhoben wurden – zurückzuführen sind. Eine prospektive, randomisierte Studie unter kontrollierten Bedingungen, bei der die Patienten zufällig in Behandlungs- und Kontrollgruppe eingeteilt werden, wäre notwendig, um eine Ursache-Wirkungsbeziehung darzustellen. Weiterhin wird für osteopathische Studien empfohlen, eine dritte Gruppe hinzuzufügen. Bei dieser wird eine Scheinbehandlung mittels leichter Berührung vorgenommen, um einen eventuellen Placeboeffekt zu erfassen. Und zuletzt wäre eine vergleichbare Studie mit höherer Fallzahl wünschenswert, um die Ergebnisse dieser Studie zu unterstützen.

Um die Kosteneffektivität osteopathischer Behandlungen generell oder bei spezifischen Indikationen zu beurteilen, sind umfangreiche gesundheitsökonomische Studien notwendig.

[1] Chila AG (ed.): Foundations of Osteopathic Medicine, 3rd ed. Baltimore, MD: Lippincott, Williams & Wilkins; 2011: 149-154

[2] Goldstein JL, Matuszewski KA, Delaney CP, et al.: Inpatient economic burden of postoperative ileus assiciated with abdominal surgery in the United States. Journal of Managed Care and Specialty Pharmacy. 2007;32(2):83-90.

[3] Rivera LR, Pontell L, Cho HJ, et al.: Knock out of neuronal nitric oxide synthase exacerbates intestinal ischemia/reperfusion of osteopathic manipulative medicine (review). International Journal of Molecular Medicine 2004, 14(3):565-576

 

Referenz:

Baltazar GA, Petler MP, Akella K, Khatri R, Asaro R, Chendrasekhar A: Effect of Osteopathic Manipulative Treatment on Incidence of Postoperative Ilieus and Hospital Length of Stay in General Surgical Patients. Journal of the American Osteopathic Association, 2013;113(3):204-209

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

five + fourteen =