Osteopathische Behandlung nach einer Bypass-Operation der Koronararterie

DE - 72 - Osteopathische Behandlung nach Bypass-OP

Koronare Herzkrankheiten

Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen in Industrienationen zu den häufigsten Todesursachen. Die häufigste Form ist die koronare Herzkrankheit (KHK), bei der es zu einer mangelnden Durchblutung des Herzmuskels aufgrund einer Verengung der Herzkranzgefäße kommt. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit erhöht sich mit zunehmendem Alter. Häufige Folge einer KHK ist der akute Myokardinfarkt, von dem Männer durchschnittlich etwa 3,3-mal häufiger betroffen sind, als Frauen (Daten des Augsburger Herzinfarkregisters 2001-2003[1]). Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren für KHK zählen vor allem erhöhter Blutdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes mellitus Typ 2 (und Vorstufen), Übergewicht und Zigarettenrauchen. Laut Robert-Koch-Institut geht die Mortalität aufgrund von KHK sowohl in Deutschland als auch in den USA erfreulicherweise seit den 1980er Jahren zurück[2].

Zu den Behandlungsmöglichkeiten zählen die Wiedereröffnung der geschlossenen Koronararterien, die Gabe thrombolytischer Medikamente oder die Aufdehnung der Arterie, wobei zusätzlich ein Stent zur Stabilisierung eingesetzt werden kann. Zusätzlich wird bei vielen Patienten mit KHK eine Bypass-Operation durchgeführt. Im Jahr 2012 wurden in Deutschland etwa 90 000 Aorten-Bypässe gelegt, davon ca. 9 700 minimalinvasiv[3]. Am häufigsten findet also derzeit immer noch eine Operation mit Brustöffnung statt. Üblicherweise wird für eine solche Operation unter Vollnarkose der Brustkorb am Sternum eröffnet und der Körper an eine Herz-Lungenmaschine angeschlossen.

Bypass-Operation

Bei einer Verengung oder eines Verschlusses der Koronararterie wird im rahmen einer Bypass-Operation eine Umgehung dieser verengten Stelle gelegt, um die Versorgung des Herzens weiterhin zu gewährleisten. Dabei unterscheidet man zwischen einem arteriellen und einem venösen Bypass. Beim arteriellen Bypass wird in der Regel die linke Brustwandarterie verwendet, wobei nur an einer Stelle ein Übergang zwischen den Gefäßen hergestellt werden muss (Anastomose). Beim venösen Bypass wird eine Vene aus dem Bein verwendet, die zuerst an die Aorta ascendens angenäht wird und danach an das erkrankte Gefäß, wodurch die verengte oder verschlossene Stelle umgangen wird.

Kann eine osteopathische Behandlung die Heilung nach einer Bypass-Operation unterstützen?

Verschiedene medizinische Verfahren zur schnelleren postoperativen Heilung der Patienten wurden schon evaluiert. Dazu gehören sowohl mechanische als auch medikamentöse Interventionen. Zusätzlich stellt sich die Frage, ob auch manuelle osteopathische Techniken als adjuvante Therapien eingesetzt werden können, um die Heilung von Patienten zu unterstützen.

In einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2005 wurden die physiologischen Effekte osteopathischer Behandlung nach einer Bypass-Operation untersucht.

Durchführung einer klinischen Pilotstudie

In der Pilotstudie von O-Yurvati und Kollegen wurden 29 Patienten, die eine Bypass-Operation erhielten, in 2 Gruppen eingeteilt. Die Interventionsgruppe (10 Patienten) erhielt innerhalb von 2 Stunden nach der Operation eine osteopathische Behandlung (Dauer ca. 30 Minuten). Dabei waren die Patienten weiterhin unter Vollnarkose. Die Behandlung zielte auf eine Linderung anatomischer Dysfunktionen des Brustkorbs ab, die durch die Sternotomie entstehen. Weiterhin sollte die Lungenfunktion verbessert werden.

Folgende Techniken wurden im Rahmen der Studie angewandt:

  • BLT – Balanced Ligamentous Tension-Techniken
  • Indirekte Myofasziale Release-Techniken am Sternum
  • Indirekter Release des Zwerchfells
  • OA-Release/Dekompression
  • Rippenhebung (auf Höhe von T1-T5)
  • Release der Sibson-Faszie

 

Eine Kontrollgruppe aus 19 Patienten erhielt keine osteopathische Behandlung. Bei beiden Gruppen wurden folgende Parameter gemessen: Thoraximpedanz (als Indikator des zentralen Blutvolumens – Impedanz ist höher, wenn Blutvolumen im Brustraum sinkt), die venöse Sauerstoffsättigung (SvO2) und der Herzindex (HI, berechnet aus Herzminutenvolumen in l/min pro m2 Körperoberfläche). In der Interventionsgruppe wurden die Werte vor und nach der osteopathischen Behandlung gemessen. In der Kontrollgruppe nach 1 Stunde und 2 Stunden post-operativ.

Ergebnisse der Studie

Bei einem Vergleich der untersuchten Parameter in der Interventionsgruppe vor und nach der osteopathischen Behandlung zeigte sich eine Verbesserung der untersuchten Parameter. Die Thoraximpedanz erhöhte sich innerhalb der Interventionsgruppe signifikant, was auf ein niedrigeres Blutvolumen im Thoraxbereich durch verbesserte Zirkulation in die Peripherie hinweist. Auch die venöse Sauerstoffsättigung und der Herzindex waren nach der osteopathischen Behandlung signifikant höher. Beim Vergleich der beiden Studiengruppen untereinander wurde ein statistisch signifikanter Unterschied bei der Sauerstoffsättigung und des Herzindex gemessen. Die Sauerstoffsättigung erhöhte sich durchschnittlich um ca. 3,7% in der Interventionsgruppe, dagegen reduzierte sie sich um ca. 3,3 % in der Kontrollgruppe ohne osteopathische Behandlung. In beiden Gruppen kam es zu einer Erhöhung des Herzindex, wobei die Erhöhung in der Interventionsgruppe durchschnittlich 0,51 Punkte (KI 95% 0,38-0,64) und in der Kontrollgruppe 0,14 Punkte (KI 95% 0,06-0,22) betrug (Normwerte des HI liegen zwischen 2,5 und 4 l/min pro m2)[4]. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen war statistisch signifikant.

Fazit der Studienautoren

Die Autoren schließen aus den beobachteten Veränderungen der Herzleistung in der Interventionsgruppe, dass eine osteopathische Behandlung direkt im Anschluss an die Bypass-Operation einen positiven physiologischen Effekt haben kann. Dazu zählen positive Effekte auf die Herzfunktion, gemessen am Herzindex, und die Durchblutung, gemessen anhand der Thoraximpedanz. In der Studie zeigte sich ein erhöhter Transport von Blut aus dem Thoraxraum in die Peripherie des Körpers, was mit erhöhten Sauerstoffsättigung im Blut einherging. Die Autoren werten dies als positiven Beitrag zur Heilung der Patienten. Da die Patienten während der Behandlung immer noch unter Vollnarkose waren, könnten die erzielten Effekte allein auf die osteopathische Behandlung zurückgeführt werden. Durch die verbesserte Durchblutung und unterstütze Heilung sei es möglich, dass Patienten kürzere Zeit im Aufwachraum verbringen und auch mittel- und langfristig ein positiver Einfluss auf die Gesundheit möglich ist. Zum Beispiel konnte in anderen Studien nach einer osteopathischen Behandlung die postoperative Aufenthaltsdauer reduziert werden[5],[6]. In einer weiteren Studie konnte bei Patienten mit Lungenentzündung durch adjuvante osteopathische Behandlung die Gabe von Antibiotika verringert werden[7].

Zu den möglichen Nebenwirkungen einer osteopathischen Behandlung im chirurgischen Setting gehören Arrhythmien, Infektionen, Verlagerung von Schrittmacherelektroden, Verlagerung eines Thrombus und Öffnung der Operationsnähte sowie Blutergüsse. Keine dieser Nebenwirkungen trat in der beschriebenen Studie auf. Mittel- und langfristige Effekte bei den Patienten wurden in dieser Pilotstudie nicht untersucht. Die Autoren vermuten, dass eine verbesserte hämodynamische Funktion zu einer Verringerung pulmonaler Komplikationen (Lungenentzündungen, Atelektase) führen kann.

 

Referenz:

Albert H. O-Yurvati, Michael S. Carnes, Michael B. Clearfield, Scott T. Stoll, Walter J. McConathy: Hemodynamic Effects of Osteopathic Manipulative Treatment Immediately After Coronary Artery Bypass Graft Surgery. Journal of the American Osteopathic Association. 2005, 105(19): 475-481

Online verfügbar unter: http://jaoa.org/article.aspx?articleid=2093189 (Zugriff am 05.08.2016)

[1] Informationen zum MONICA/KORA-Herzinfarktregister Augsburg unter: http://www.gbe-bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=7014 (Zugriff am 5.8.2016)

[2] Löwel H (2006): Koronare Herzkrankheit und akuter Myokardinfarkt. Heft 33 aus der Reihe Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert-Koch-Institut (Hrsg.), 2006

[3] Statistisches Bundesamt (2013): Fallpauschalenbezogene Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) Operationen und Prozeduren der vollstationären Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern – Ausführliche Darstellung –https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Gesundheit/Krankenhaeuser/OperationenProzeduren5231401127014?__blob=publicationFile (Zugriff am 5.8.2016)

[4] M. Leuwer, H. Trappe, T. Schürmeyer, O. Zuzan: Checkliste Interdisziplinäre Intensivmedizin; 2. Auflage 2004, Thieme-Verlag

[5] Radjieski JM, Lumley MA, Cantieri MS. Effect of osteopathic manipulative treatment of length of stay for pancreatitis: a randomized pilot study. JAm Osteopath Assoc. 1998;98: 264-272.

[6] Baltazar GA, Petler MP, Akella K, Khatri R, Asaro R, Chendrasekhar A: Effect of Osteopathic Manipulative Treatment on Incidence of Postoperative Ilieus and Hospital Length of Stay in General Surgical Patients. Journal of the American Osteopathic Association, 2013;113(3):204-209 – diesen Artikel haben wir in einem früheren Eintrag beschrieben!

[7] Noll DR, Shores JH, Gamber RG, Herron KM, Swift J Jr. Benefits of osteopathic manipulative treatment for hospitalized elderly patients with pneumonia. J Am Osteopath Assoc. 2000;100:776-782.

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