Parkinson – Der Beitrag des Vagusnervs in der Krankheitsentstehung

DE-58-Vagusnerv

Immer mehr Menschen sind von der chronischen neurodegenerativen Erkrankung Parkinson betroffen. Es erkranken hauptsächlich ältere Personen und es wird geschätzt, dass sich die Neuerkrankungsrate zwischen 2005 und 2030 verdoppelt[1]. Jedoch sind die zugrundeliegenden Faktoren, warum manche Menschen daran erkranken und andere nicht, immer noch unklar. Wissenschaftler der Universität und des Uniklinikums in Aarhus, Dänemark, konnten hierfür einen wichtigen Beitrag leisten, der darauf hindeutet, dass die Erkrankung ihren Ursprung im Verdauungstrakt hat und sich über den Vagusnerv bis zum Gehirn ausbreitet.

Welche Rolle spielt der Vagusnerv in der Krankheitsentstehung? Die „dual-hit“- Hypothese

Die dual-hit Hypothese geht auf den deutschen Neuropathologen Heiko Braak und seine Forschung an den Gehirnen verstorbener Parkinson-Patienten zurück. Die Hypothese besagt, dass ein bisher nicht identifizierter neurotroper Erreger über zwei mögliche Wege in den Körper gelangt. Zum einen fanden sich bei einigen Patienten Veränderungen der Riechnerven – was für einen Zugang über die Nase spricht. Zum anderen waren Veränderungen von Nerven im Magen und Darm erkennbar, womit dies als sekundärer Zugangsweg des potentiellen Erregers angesehen wird. Dieser könne durch Verschlucken von nasalen Sekreten in den Magen-Darm-Trakt gelangen. Nachdem dieser Erreger die Epithelschicht durchdrungen hat, könnte er in die Axone des Meissner-Plexus, als Teil des enterischen Nervensystems, gelangen und von hier über den Vagusnerv bis in das Gehirn vordringen[2]. Dieser Pathomechanismus konnte in Tierversuchen mittels α-Synuclein, einem Transportprotein das mit der Parkinson-Erkrankung in Zusammenhang steht, nachgewiesen werden.

Neue Studienergebnisse

Ausgehend von der dual-hit-Hypothese, untersuchte eine dänische Studie von Svennson und Kollegen, ob Patienten, welchen der Vagusnerv entfernt wurde, vor einer Parkinson Erkrankung geschützt sind. Um dies zu überprüfen, haben die Wissenschaftler mithilfe einer großen Register-basierten epidemiologischen Studie, etwa 15 000 Personen untersucht. Bei diesen Patienten wurde zwischen 1970 und 1995 eine vollständige oder teilweise Vagotomie zur Behandlung eines Magengeschwüres durchgeführt. Heute werden Magengeschwüre weitestgehend medikamentös mit Antazida behandelt, welche die Bildung von Magensäure hemmen.

Und tatsächlich wurde die Hypothese bestätigt: Die Studie konnte zeigen, dass Patienten mit einer kompletten Vagotomie nach 20 Jahren nur noch ein halb so großes Risiko hatten, an Parkinson zu erkranken. Einschränkend muss an dieser Stelle hinzugefügt werden, dass die Zahl der Patienten, die an Parkinson erkrankten zur gering waren, um statistisch signifikante Ergebnisse zu erzielen. Eine nur teilweise Entfernung des Vagus („superselective vagotomy“) hatte keinen protektiven Effekt auf das Parkinson-Risiko im Vergleich zur Kontrollgruppe aus der Allgemeinbevölkerung. Der Erkrankungsprozess hängt also auch davon ab, ob der Vagus intakt ist oder nicht.

Grundlage für weitere Forschung

Innerhalb der untersuchten Population litten viele Parkinson-Patienten zuvor an Symptomen des Verdauungsapparates, zum Beispiel Verstopfungen. Dies könnte als frühes Anzeichen für den Zusammenhang von neurologischen und gastroenterologischen Erkrankungen mit der Funktion des Vagusnervs gesehen werden. Die Autoren der Studie sehen dies als Chance, konkrete Risikofaktoren zu identifizieren und daraus Ansätze zur Prävention von Parkinson abzuleiten.

 

Referenz:

Svensson, E., Horváth-Puhó, E., Thomsen, R. W., Djurhuus, J. C., Pedersen, L., Borghammer, P. and Sørensen, H. T. (2015), Vagotomy and subsequent risk of Parkinson’s disease. Ann Neurol., 78: 522–529.

Englische Zusammengfassung der Studie in: Neuroscience News, 23.06.2015: Parkinson’s May Begin in Gut and Spread to the Brain Via the Vagus Nerve. http://neurosciencenews.com/parkinsons-gastrointestinal-tract-neurology-2150/ (assessed: 06.06.2016)

[1] Dorsey, E.R., Constantinescu, R., Thompson, J.P., et. al. (2007), Projected number of people with Parkinson disease in the most populous nations, 2005 through 2030. Neurology. 2007 Jan 30;68(5):384-6 http://www.neurology.org/content/68/5/384.full.pdf+html (assessed: 06.06.2016)

[2] Hawkes, C. H., Del Tredici, K. and Braak, H. (2007), Parkinson’s disease: a dual-hit hypothesis. Neuropathology and Applied Neurobiology, 33: 599-614 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1365-2990.2007.00874.x/abstract (assessed: 06.06.2016)

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