Radiografischer Nachweis der Schädelmobilität

DE - 92 - Radiographic Evidence of Cranial Bone Mobility

 

Bei Neugeborenen sind die Schädelknochen beweglich, damit sich der Kopf des Kindes während der Geburt an den Geburtskanal anpassen kann. Eine Verformung geht nach der Geburt meist schnell zurück und die Schädelnähte (Suturen) und Fontanellen schließen sich.

Osteopathische Ärzte gehen schon lange davon aus, dass die Schädelknochen auch langfristig beweglich bleiben können. Dies ist ein kontroverses Thema, da einerseits davon ausgegangen wird, dass dies physiologisch unmöglich ist[1] und die verschiedenen Bereiche des Schädelknochens fest zusammen wachsen. Zudem existieren nur sehr wenige wissenschaftliche Studien, die diese Annahme unterstützen. Es wurde aber andererseits vereinzelt beschrieben, dass bei Erwachsenen kein vollständiger Verschluss der Suturen stattfindet[2].

Bleiben Schädelknochen beweglich?

Da die palpatorischen Befunde in Bezug auf die Beweglichkeit subjektiv sind, stellt sich die Frage, wie diese auch objektiv dargestellt werden kann. In früheren Studien hatte sich eine hohe Übereinstimmung (Korrelation) zwischen den palpatorischen Befunden und Röntgenaufnahmen gezeigt. In einer Studie, die 2002 in einer Fachzeitschrift für kraniomandibuläre Behandlung erschienen ist, wurde die Fragestellung untersucht, ob eine Behandlung des Schädelknochens eine messbare Veränderung im Schädel von Erwachsenen hervorrufen kann. Diese Veränderung sollte mithilfe von Röntgenaufnahmen vor und nach der Behandlung gemessen werden.

Wie war die vorliegende Studie aufgebaut?

Im Rahmen der Pilotstudie von Oleski und Kollegen (2002) wurden die Röntgenaufnahmen von 12 Patienten einer Zahnarztpraxis in Pennsylvania, USA, nachträglich ausgewertet. Diese Patienten hatten eine befundorientierte kraniale Behandlung erhalten und es lagen Röntgenaufnahmen vor und nach dieser Behandlung vor. Für die Auswertung wurde eine zentrale Referenzlinie zwischen dem mittleren Punkt der Nasenwurzel (Nasion) und dem vorderen Nasendornfortsatz (spina nasalis anterior) gezogen. Im nächsten Schritt wurden fünf Maßlinien zwischen verschiedenen weiteren Bezugspunkten des Schädels gezogen und deren Winkel zur zentralen Referenzlinie gemessen. In die Auswertung gingen dann die Unterschiede der gemessenen Winkel dieser Linien zur Referenzlinie vor und nach der Behandlung ein. Vor der Auswertung wurden die Messwerte auf „Inter-Rater Reliability“ geprüft, d.h. die Übereinstimmung der Ergebnisse verschiedener Untersucher. Die Werte wichen maximal um 0,5° voneinander ab, sodass von einer hohen Übereinstimmung ausgegangen werden kann.

Ergebnisse des Vorher-Nachher-Vergleichs der Röntgenaufnahmen

Bei den meisten Patienten konnte eine Veränderung der gemessenen Winkel nach der Behandlung im Vergleich zur vorherigen Röntgenaufnahme nachgewiesen werden. Dieser Effekt war bei allen gemessenen Winkeln statistisch signifikant. Dabei gab es Unterschiede zwischen den Patienten, in Bezug auf die Anzahl und Lokalisation sowie das Ausmaß der veränderten Winkel. Die mittlere Veränderung der gemessenen Winkel lag je nach Lokalisation zwischen 1,25° und 2,58°, wobei die Werte der einzelnen Patienten jeweils zwischen 0° und 8° lagen.

Bedeutung für die Osteopathie

Anhand dieser Studie konnte gezeigt werden, dass die Mobilität der Schädelknochen durch Röntgenaufnahmen messbar ist. Da es sich um eine Pilotstudie zur Machbarkeit einer Messung handelt, wurde keine Vergleichsgruppe untersucht.

Die Autoren weisen darauf hin, dass weitere Studien nötig sind, um ihre Ergebnisse zu unterstützen. Dazu schlagen sie eine prospektive Doppelblind-Studie vor, in der die Röntgenaufnahmen mit besserer Software analysiert werden sollten.

Das Verständnis darüber, dass die Schädelknochen beweglich bleiben und diese Bewegung gemessen werden kann, ist grundlegend für die Anwendung kranialer Techniken. Kraniale Techniken kommen beispielsweise bei der Behandlung von Dysfunktionen im Temporomandibulargelenk (TMG), traumatischen Gehirnverletzungen und Kopfschmerzen zum Einsatz und können hier Linderung bei Beschwerden schaffen[3].

 

[1] Ferre JC, Barbin JY. The osteopathic cranial concept: Fact or fiction. Surg Radiol Anat 1991;13:165-170

[2] Retzlaff EW, Upledger J, Mitchell FL: Age related changes in human cranial sutures. Anatomical Records, 1997, 663

[3] Gregory TM:Temporomandibular disorder associated with sacroiliac sprain. Journal of Manipulative Physiological Therapy, 1993, 16:256-65

 

Referenz:

Oleski SL, Smith GH, Crow WT: Radiographic Evidence of Cranial Bone Mobility. The Journal of Craniomandibular Practice, 2002, 20(1); 34-38

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

17 + 8 =